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BOLIVIEN – Land der Gegensätze, Land der Vielfalt. Marietheres Putre

Publicada en Publicada en [:es]Edición #8[:de]Ausgabe #8, La llama viaja

Maritheres Putre nos acerca a la minería boliviana y sus consecuencias (humanas) analizando el ejemplo de Potosí. En el segundo artículo se transmiten ideas tanto asombrosas como deprimentes sobre una realidad “distante”, con la que estamos conectados en este mundo económico global.

Maritheres Putre bringt uns  den bolivianischen Bergbau und seine (menschlichen) Konsequenzen am Beispiel Potosí näher. Erstaunliche und bedrückende Einblicke in eine „weit entfernten“ Realität werden im zweiten Beitrag vermittelt, mit der wir, in der globalen Wirtschaftswelt, dennoch so verbunden sind.

 


 

BOLIVIEN – Land der Gegensätze, Land der Vielfalt
Minero untersucht Steine, Marietheres Putre, Potosi - Bolivien, 2016/2017.
Minero untersucht Steine, Marietheres Putre, Potosi – Bolivien, 2016/2017.

In Bolivien leben knapp elf Millionen Menschen auf einer Fläche, die 13-mal so groß wie Österreich ist. Es gilt als eines der ärmsten Länder Südamerikas[i]. Doch arm ist das Land keinesfalls – es ist reich an Kultur, reich an Sprachen (Spanisch, Quechua, Aymara und 34 weiteren anerkannten indigenen Sprachen) und bietet landschaftliches alles, was das Abenteuerherz begeistert: Berge, Seen, Dschungel, Salzwüste. Nun ja, fast alles, denn einen Meerzugang hat Bolivien nicht (mehr). Dass dieses Thema immer noch eine Wunde darstellt, bekommt man abgesehen vom Tag des Meeres am 23. März nur am Rande mit.

An der Politikspitze steht seit 2005 der indigene Präsident Evo Morales, der nicht selten mit außergewöhnlichen und fragwürdigen Aussagen auf sich aufmerksam macht. So sei laut ihm Homosexualität eine Folge von zu hohem Hühnchen-Verzehr und, um die unbesiedelten Regionen des Landes mit Menschen zu füllen, wollte Morales eine Steuer für alle kinderlosen Frauen zwischen 25 und 35 einführen[ii]. Dieser Vorschlag wurde abgelehnt. Aufgrund der von Morales durchgeführten Namensänderung des Staats Boliviens zu Plurinationaler Staat Bolivien konnte er sich 2015 ein drittes Mal als Präsident zur Wahl stellen.

Bolivien blickt zudem auf eine vom Kolonialismus geprägte Geschichte zurück. Vor gut 450 Jahren begannen die Bergarbeiten im Cerro Rico (zu dt. „der reiche Berg“) in Potosí und seither werden Mineralien wie Silber, Zinn und Zink aus dem Berg geschafft – unter Arbeitsbedingungen, die sich seit dem 16. Jahrhundert kaum verändert haben. Wurden damals afrikanische und indigene Sklaven zur Minenarbeit im Cerro Rico gezwungen, die sich bis zu sechs Monate ohne Unterbrechung innerhalb des Berges befanden, während sie von ihren Frauen mit Essen versorgt wurden, so zwingt heute die ökonomische Situation Boliviens Männer und junge Burschen (ab 13 Jahren) zu dieser gefährlichen Arbeit. Denn in Potosí gibt es kaum eine andere Möglichkeit, an Geld zu kommen: es fehlt an Firmen und Fabriken, Studenten arbeiten in den Ferien in der Mine, um sich ihr Studium finanzieren zu können, für Schüler bietet sich fast keine andere Option eines Ferialjobs. Für Frauen ist die Minenarbeit verboten, sie würden, so sagt man, Tío, eine teufelsähnliche Gottheit der Unterwelt, von seiner Beziehung mit Pachamama (Mutter Erde) ablenken, aus der die wertvollen Mineralien hervorgehen. Frauen arbeiten entweder als Guardabocaminas (Wächterinnen), die rund um die Uhr die Mineneingänge bewachen, als Palliris (Steineklopferinnen) oder als Verkäuferinnen unten in der Stadt.

aus einer Guarda am Berg Cerro Rico, Marietheres Putre, Potosi - Bolivien, 2016/2017
aus einer Guarda am Berg Cerro Rico, Marietheres Putre, Potosi – Bolivien, 2016/2017

Die Mineros (Minenarbeiter) bringen Tío Opfergaben wie Zigaretten, Koka-Blätter und Alkohol, damit er sie vor Unfällen in der Mine beschütze. Nichtsdestotrotz ist die größte Gefahr der Minenarbeit die Lungenkrankheit Silikose (Staublunge), hier mal de mina genannt. In Potosí selbst gibt es wohlgemerkt keine/-n Lungenfacharzt/-ärztin. Die Lebenserwartung eines Mineros liegt bei etwa 40 Jahren. Daher wird der Cerro Rico auch als der Berg, der die Menschen lebend frisst, bezeichnet. Seit dem 16. Jahrhundert sind bis heute etwa 8 Millionen Menschen im und am Berg verstorben.[iii]

Kinderarbeit ist in Bolivien gesetzlich verboten. Dass sie trotzdem passiert, ist kein Geheimnis. Es fehlt an ernst gemeinten Kontrollen. Gleichzeitig muss aber die ganze Familie zusammenhalten und arbeiten, um sich über Wasser zu halten. Und genau hier liegt das Dilemma: nimmt man den Kindern die Arbeit weg, entzieht man vielen Familien eine wichtige Existenzgrundlage. Der SPIEGEL[iv] (Beitrag vom Dezember 2016) hat das Thema der Kinderarbeit in Bolivien wie folgt formuliert: „Um auf die Kinderarbeiten verzichten zu können, müsse auch die Armut verschwinden. Selbst mit Boliviens jetzigem Wachstum werde das Berechnungen zufolge rund 80 Jahre dauern“.

Die Menschen hier in Potosí glauben, dass der Berg bald in sich zusammenfällt. Seine Spitze musste er bereits einbüßen, dennoch wird der Berg nach wie vor ausgehöhlt wie ein Schweizer Käse. Eine Freundin aus Potosí gibt dem Cerro Rico sogar nur mehr drei Jahre. Was der Einsturz des Berges für Potosí und die am Berg lebenden Menschen bedeuten würde, will man sich gar nicht vorstellen…

[i] Instituto Nacional de Estadística. Estado Plurinacional de Bolivia: https://www.ine.gob.bo/index.php/component/k2/item/194-cepal-ratifica-reduccion-de-indicadores-de-pobreza-y-pobreza-extrema-en-bolivia?highlight=WyJwb2JyZXphIl0 (20.11.2018)

 

[ii] Die Welt: https://www.welt.de/politik/ausland/article7298547/Haehnchen-mit-Pommes-macht-laut-Morales-schwul.html (20.11.2018)

 

[iii] Die Presse: https://diepresse.com/home/wirtschaft/hobbyoekonom/641659/Cerro-Rico_Ein-Berg-als-Menschenfresser (20.11.2018)

 

[iv] Der Spiegel: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bolivien-die-stolzen-kinderarbeiter-a-1123897.html#spRedirectedFrom=www&referrrer=http://m.facebook.com (20.11.2018)

 

 

Biographie der Autorin:

Marietheres Putre, geboren (1991) und aufgewachsen in Seekirchen am Wallersee, absolvierte ein Bachelorstudium Kultur- und Sozialanthropologie sowie das Masterstudium Klinische Soziale Arbeit in Wien. Ihr Interesse und die Ausbildung zur Sozialarbeiterin haben sie nach Abschluss des Masterstudiums nach Bolivien, Potosí, geführt, wo sie für acht Monate einen ExpertInnen-Einsatz als Sozialarbeiterin über den Verein Intersol durchführte. Sie lebt und arbeitet in Wien.

 


 

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