Brasiliens politischer Kampf mit sich selbst

Publicada en Publicada en Coyuntura, Edición #3

Stefan Weghuber*

Von den großen und kleinen Kämpfen in Brasilien, oder wo der Nordosten an den reichen Süden angrenzt. Brasilien nach der WM ist Brasilien vor der WM. Nach der kurzen politischen Katerstimmung während der WM sind die Proteste wieder auf der Straße. Speziell die obere Mittelschicht ließ – angeheizt vom Petrobras-Skandal – mit der Forderung aufhorchen, die Militärs sollten wieder das Ruder im Land des Amazonas übernehmen. Eine verklärte und nicht aufgearbeitete Idealisierung der Militärdiktatur verleitet zu derartigen Positionen einer Bewegung, die um ihre neu erworben Privilegien und den sozialen Aufstieg der letzten Jahre fürchtet. Speziell jene Gruppen, die am meisten von Lulas Politik profitierten, lassen ihre Tröten pfeifen.Großteils fehlt es aber an konkreten politischen Vorschlägen. In den sozialen Medien wird vor allem social bashing betrieben, bei dem die Präsidentin aufs Übelste beschimpft wird. Es ergießt sich eine wahre Flut an Meldungen, die nur auf das Geschlecht und das Aussehen von Dilma abzielen. Darin verbirgt sich ein tief verwurzelter Machismus kolonialer Prägung. Die erhitzten Gemüter sind aber auch bei den viel zahlreicheren Gegenprotesten zu finden. Sie treten zwar nicht aktiv für die PT (Partido dos Trabalhadores) ein, doch sie erheben ihre Stimme für demokratischere Verhältnisse im Land. Neue Gesetzesbeschlüsse trieben die Menschen auf die Straße. Darunter ein Outsourcing-Gesetz, ein neues Abtreibungsverbot oder die Senkung der Strafmündigkeit. Alle Gesetze betreffen vor allem die wirtschaftlich benachteiligtere Bevölkerung. Konservative Politiker_innen, die teils aus dem evangelikalen Milieu stammen, beklagen den Niedergang brasilianischer Werte. Diese Bigotterie wird von der bitteren Realität entlarvt, dass im Land Abtreibung ein weit verbreitetes Phänomen (in allen Gesellschaftsschichten) ist und im Endeffekt nur wieder jene trifft, die sich die Anonymität einer Privatklinik nicht leisten können. In vielen Protesten wehrt man sich auch gegen die zunehmende Vereinnahmung des öffentlichen Raumes durch private Interessen. Die extraterritorialen Zonen der Blatter-WM sind ein Beispiel von vielen, bei denen die lokale Bevölkerung vom privatisierten Wirtschaftsleben der internationalen Großkonzerne ausgesperrt wurde.

In der nordöstlichen Stadt Recife sollen gerade modernste Luxusbunker direkt am Strand in die Höhe gezogen werden (Projeto Novo Recife), womit die Aussicht der Innenstadt zum Weltkulturerbe ernannt zu werden, endlich in den Sand gebunkert wurde. Die Wolkenkratzer werfen lange Schatten auf die dahinter liegenden Viertel. Eine moderne Infrastruktur an Straßennetzen, Einkaufszentren und Freizeitmöglichkeiten orientiert sich ganz am Geschmack einer Oberschicht, die ihre ausländischen Autos von einem Einkaufszentrum zum anderen nicht mehr verlassen müssen. Besonders die modernen Shopping-Center in der Innenstadt simulieren einen öffentlichen Raum, der aber durch private Besitzer klar reglementiert ist. Anstatt in eine echte Aufwertung der Lebensqualität zu investieren, verbarrikadiert sich ein Teil und baut über die Köpfe der Bewohner hinweg. Überhaupt fließt im Venedig Brasiliens – metaphorisch gesprochen – vieles in eine Richtung, die nicht der gesunden Verzweigung an Flussarmen der Mangrovenhauptstadt entspricht.

Besonders die kulturelle Vielfalt an Musikstilen im Nordosten sind ein gutes Beispiel für das angespannte Verhältnis zwischen Staat und Bürger. Sie gaben der Stadt in den letzten zwei Jahrzehnten eine gewisse Kontur, die geschickt von der Kulturindustrie vermarktet wurde. Regionale Musikstile, die noch bis in die 90er Jahren als primitiv und rückständig verachtet wurden, zieren gegenwärtig die Werbeplakate des Karnevals und werben um (ausländische) Touristen. Afrobrasilianische Musikstile wie Maracatu Rural, Maracatu Nação oder Afoxé gelten als Markenzeichen der Stadt. Die Mehrheit ihrer Künstler_innen kommt jedoch aus den ärmeren Vorstädten, Favelas oder der Zuckerrohrgegend. Obwohl deren Symbole, die meist als das exotische Andere vermarktet werden, sämtliche Einkaufsmeilen und Werbeplakate schmücken, verhallen die Erwartungen an bessere Lebensumstände in den Hinterhöfen der Favelas. Aber genau aus diesem Spannungsfeld entstehen neue politische Räume der Selbstorganisation. Künstler_innen, Journalist_innen und Aktivist_innen tauschen sich zunehmend über das Internet aus. Neue Formen des Protests finden auf unterschiedlichen Ebenen statt. Leider geraten viele traditionelle Musikstile unter Druck, indem ihre Ausübung im öffentlichen Raum eingeschränkt wird. Szenen, bei denen übertrieben agierende Polizeibeamte nächtliche Veranstaltungen räumen, nahmen seit letztem Jahr massiv zu. Argumentiert wird mit einer angeblichen Lärmbelästigung. Eine sehr zynische Rechtfertigung angesichts des generell hohen Lärmpegels durch die städtische Bauwut. Die unterschiedlichen sozialen und kulturellen Räume sind mittlerweile derart durch virtuelle Medien verbunden, dass die Solidarität zwischen unterschiedlichen Akteur_innen zunimmt. Online-Petitionen, Video-Postings oder Dokumentarfilme transformieren das traditionelle Verhältnis von Stadt und Land, reich und arm sowie zentral und peripher derart, dass neue Formen der politischen Teilhabe entstanden sind. Dementsprechend wehrt sich das neugewonnene Selbstvertrauen der regionalen Künstler_innen gegen den Ausverkauf ihrer Musikkultur und bittet zur transparenten Performance auf der brasilianischen Politbühne. Es geht vor allem um den freien Zugang zu öffentlichen Räumen und das Recht auf Kultur, was der Reproduktion und dem Austausch historisch gewachsener (Musik)-Kultur dient. Auch wenn der ärmere Nordosten an vielen Stellen an die Luxuswohnungen der Copacabana angrenzt, und damit weite Teile der Bevölkerung ausgrenzt, entstehen neue Allianzen, welche die Gesellschaft von innen transformieren. Lebendige kulturelle Praktiken, wie die vielen afrobrasilianischen Musikstile des Nordostens, haben eine gewaltige mobilisierende Kraft, die imstande ist, alte und neu entstandene soziale Grenzen zu sprengen. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich Brasilien, in Form von Oswald de Andrades Menschenfresser, nicht wieder in alle Einzelstücke zerreißt, sondern die Vielfalt in seiner tropischen Einheit beibehält.

*Stefan Weghuber studierte Kultur-und Sozialanthropologie sowie Spanisch an der Universität Wien. Er reiste mehrmals nach Lateinamerika (Guatemala, Mexiko und Brasilien) und schrieb seine Diplomarbeit über die Veränderungen traditioneller Musikstile (Maracatu Rural) im Karneval von Recife (Nordostbrasilien). Seine Schwerpunkte sind u.a. Globalisierung, Religionsethnologie, Friedens-und Konfliktforschung und Musikethnologie. Im Moment unterrichtet er Deutsch als Fremdsprache und ist bei unterschiedlichen Organisationen als freiberuflicher Trainer für interkulturelle Bildung an Schulen tätig.

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