VOM RAND INS ZENTRUM, Die Neugestaltung von Staat und Gesellschaft in Bolivien

Publicada en Publicada en Edición #3, Maestria

Buchrezension,  Álvaro García Linera

Maria Ziesler*

Das Buch stellt eine Textsammlung des bolivianischen Vizepräsidenten García Linera vor, die der Soziologe in den Jahren zwischen 2001 und 2010 geschrieben hat. Diese Ausführungen spiegeln das jahrzehntelange, politische Engagement García Lineras wider.

Der aktuelle Vizepräsident Boliviens studierte in den 80er Jahren Mathematik in Mexiko, wo er seine erste Frau, Raquel Gutierrez, eine in politischen Basisbewegungen engagierte Soziologin, kennenlernte. Zurückgekehrt nach Bolivien, lebten und arbeiteten beide in „roten“ (marxistisch inspirierten) Ayllus, geleitet von Felipe Quispe.513Ss5d78iL._SX339_BO1,204,203,200_

1992 wurde García Linera gemeinsam mit seinen Mitstreiter_innen verhaftet und verbrachte ohne Gerichtsverfahren und Urteil fünf Jahre im Gefängnis. Diese Zeit nützte er für ein Soziologiestudium. Nach seiner Haftentlassung setzte er sein politisches Engagement fort und unterrichtete Soziologie an mehreren Universitäten Boliviens.

Seit dem Wahlsieg der MAS (Movimiento al Socialismo) im Dezember 2005, leitet er als Vizepräsident gemeinsam mit dem ersten indigenen Präsidenten Juan Evo Morales Ayma (ein Aymara), die neue Regierung des Plurinationalen Andenstaates.

Jean Ziegler, ebenfalls Soziologe und ehemaliger UN-Beauftragter für Ernährungsfragen schrieb das Vorwort zum Buch. Er erklärt darin kurz, die seit dem Regierungsantritt des Duos Morales/García Linera vorgenommene Neuausrichtung des Staates in ihrem revolutionären Prozess, begonnen von der für die westliche Welt überraschende Verstaatlichung der Erdgas- und Erdölfelder, am 1. 5. 2006, bis zur Schaffung der neuen, detaillierten Verfassung im Jahr 2008.

Stefan Rist, Professor am Center for Development and Environment der Universität Bern, der sich um die Herausgabe dieses Buches bemüht hat, führte gemeinsam mit Andreas Simmen am 27./28. 1. 2011 ein ausführliches Interview mit dem bolivianischen Vizepräsidenten, das nach dem Vorwort wiedergegeben wird. Dieses aufschlussreiche Gespräch legt das politische Denken, ausgehend vom klassischen Marx, bis hin zum Studium einer sehr breiten Vielfalt wissenschaftlicher Denkrichtungen offen und es erklärt die fortschreitende, dynamische Entwicklung seiner politischen Philosophie, die stets in den multikulturellen, politischen und sozioökonomischen Alltag Boliviens zurückgebunden wird. Diese philosophisch-wissenschaftliche Analyse verknüpft mit politisch-soziokultureller Praxis bezeichnet er als „archäologische Arbeit“ (S. 13).

García Lineras tragende Rolle als Vizepräsident besteht aus wissenschaftlicher Analyse (nicht nur) linker Autoren, empirischer Bobachtung und praktischer Erfahrung in den politischen Kämpfen der sozialen Bewegungen der letzten Jahrzehnte, in denen er die Widersprüche zwischen den traditionell lebenden „pueblos originarios“, den marxistischen Gewerkschaftsbewegungen und der modernen, urbanen Gesellschaft in den Städten erkennen konnte.

Den „Samen des Aufbruchs und einer neuen Gemeinschaftlichkeit“ (S. 30) erkannte er in der Mobilisierung einer Gemeinschaft, im Kampf einer Gewerkschaft, im Marsch von Produzenten, im Studentenprotest, in allen Strukturen des Widerstands, des Unbehagens unter den verschiedenen Berufsgruppen, in denen sie es nie verpassten, diese alle zu unterstützen und dieses Unbehagen auch zu artikulieren.  Obwohl er kein Rezept geben kann, empfiehlt er (den fragenden Europäern)  doch „wie der alte Maulwurf -: scharren, graben, Tunnel bauen, scharren…bis zu der Türe, die offen steht.“(S. 31).

Der Hauptteil des Buches ist in fünf Textabschnitte gegliedert. Stephan Rist gibt dazu editorische Vorbemerkungen und erklärt die zeitliche Einordnung der Textsammlungen, die in der Zeit zwischen 2001 und 2010 von García Linera geschrieben wurden.

Der erste Textabschnitt

“Die sozialen Bewegungen in Bolivien, Gewerkschaft, Multitude und Gemeinschaft”, stammen aus dem Jahr 2001. Jenes Jahr in dem sich der so genannte Wasserkrieg in Cochabamba zuspitzte. Der Kampf um allgemeine Güter wie Wasser und Land, der Kampf gegen den Verkauf von Erdöl- und Erdgasreserven ergab eine Unmenge an politischen und intellektuellen Inputs. Autonome Organisationsstrukturen der subalternen Klassen bildeten hier einen Block kollektiven Handelns, den er als Multitude bezeichnet. In den  Mobilisierungen der Campesinogemeinschaften und der Gewerkschaften nutzten sie die Vereinigungs-, Versammlungs-, Deliberations- und Demonstrationsfreiheit, um ihre Bedürfnisse bekannt zu machen und gleichzeitig Druck auf die herrschenden Eliten auszuüben, um sie zu einer Gesetzesänderung zu bewegen. In diesem Text wird auch erklärt, wo Unterschiede und Gemeinsamkeiten, zum von Negri und Hardt erarbeiteten Konzept der Multitude liegen.

Der zweite Textabschnitt

“Indigene Autonomie und Multinationaler Staat und die Ausgrenzung der indigenen Nationen” muss ein Ende haben,  geht  näher auf die Ausgrenzungen der indigenen Nationen in der Republik Boliviens ein. Er beinhaltet Vorschläge und mögliche Wege, wie diese zu überwinden seien. Ethnizität wird hier nicht als Defizit, sondern als symbolisches Kapital gesehen. Dabei wird der Frage nach gegangen, wie Ethnizitäten gebildet werden und welche Bedeutung sie in einem plurinationalen  Staat erlangen können. In diesem Kapitel erklärt García Linera sein Verständnis von Begriffen wie Nation und ethnische Identität und was unter einem monokulturellen Staat und einer multinationalen Gesellschaft zu verstehen ist. Welche Auswirkungen sich für eine multinationale Gesellschaft in einem monokulturellen Staat ergeben, erklärt er am Beispiel eines Studenten, der Aymara ist (S. 135), und zieht daraus den Schluss, „….dass die Republik ein monoethnischer und monokultureller Staat ist und daher ausgrenzend und rassistisch ist.“

Dieser Textabschnitt, entstanden im Jahr 2004, ist von grundlegender Bedeutung für die spätere Ausarbeitung der neuen Verfassung, die entwickelten Ideen wurden verbindliche Basis.

Der dritte und vierte Text sind im Jahr 2005 geschrieben worden, in der Zeit des beginnenden Wahlkampfes von Morales und García Linera: Sie behandeln die Themen des “Kampfes um die Macht in Bolivien, Staatskrise, Erneuerung der Eliten und Erweiterung der Rechte”. Dieser Titel lässt erkennen, dass der Kampf um die Macht in eine intensive Phase eingetreten ist. Das neoliberale Wirtschaftsprogramm hat Chaos hinterlassen, die Verarmung und weitgehender Ausschluss der Menschen wurden auf die Spitze getrieben. Hier wird bereits als vorweggenommenes Arbeitsprogramm für die spätere Regierung vorgezeichnet, wie der Staat als gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Akteur reaktiviert werden kann, der allen Menschen zugutekommt. Hier wird auch schon der zu erwartende Widerstand der bisherigen ökonomischen und kulturellen Eliten des  Landes vorweggenommen und im Voraus analysiert.

Im vierten Text, “Indianismus und Marxismus, das wenig harmonische Zusammentreffen zweier revolutionärer Denkrichtungen”, werden zwei revolutionäre Denkrichtungen im Laufe der Geschichte Boliviens kurz angerissen und ihre Konfliktfelder dargestellt. Die Palette reicht vom traditionellen Marxismus über den Indianismus, bis zur Entstehung des kataristischen Indianismus. Am Ende sieht er doch einen Raum der Kommunikation, der Indianismus und Marxismus gegenseitig bereichern  kann.

Der letzte Text, “Der Staat in Zeiten der Transition, Machtblock und Bifurkationspunkt”, im Jahr 2010 entstanden, gibt eine erfahrungsreiche Übersicht über die ersten spannenden, aber auch konfliktreichen fünf Jahre Regierung der MAS wieder. In dieser Zeit fand die Einberufung der verfassungsgebenden Versammlung, sowie die freiwillige Bestätigungswahl  von Präsident und Vize- im Jahr 2008 statt. Die Reformen im Landbesitz, Erziehungswesen, Ausweitung der „ciudadanía“, usw. werden gleichzeitig realisiert.

García Linera sieht am Ende der ersten Regierungsperiode „den achtjährigen Zyklus der Staatskrise abgeschlossen“ und sich nun „vor der dringenden Notwendigkeit eines Prozesses der sozialen Stabilisierung…..und des Aufbaues neuer staatlicher Strukturen.“ gestellt. (S.275) Trotz allem gehören zu seinem Demokratieverständnis neben Prinzipien auch Meinungsverschiedenheiten und Unstimmigkeiten, denn ohne Konflikte „wäre die Demokratie ein Synonym einer zu Eis erstarrten Gesellschaft“. (ebd.)

Angeschlossen an die Textsammlung findet sich ein 11seitiges Begriffs- und Abkürzungsverzeichnis, das teilweise sehr ausführlich und zufriedenstellend erklärt wird. Nur die Erklärung des „ayllu“, welche der Verlag aus einem Buch von Lessmann übernommen hat, finde ich nicht ausreichend gut erklärt, hier würde ich auf die Soziologin Silvia Rivera Cusicanqui zurückgreifen, die zum Ayllu tief gehende Arbeiten erstellt hat.

Am Ende des Buches  kann man ein 14seitiges Literaturverzeichnis durchstudieren und findet noch viele Anregungen für eigene, weitere Recherchen zu den behandelten Themen.

Die in diesem Buch vorgestellten Texte wurden aus dem Spanischen von Barbara Gelautz und Brigitte Schatzl übersetzt.

Auf zwei kleine Mängel möchte ich noch hinweisen, die wohl zu Lasten des Verlages gehen werden: In der Fußnote 2, auf Seite 240, wird auf das Kapitel „Der Kampf um die Macht in Bolivien“ hingewiesen: „in diesem Band S. 181“: Tatsächlich findet man das Kapitel auf S. 185!   Auf Seite 35 wird die Staatsgründung Boliviens in das Jahr 1826 verlegt (tatsächlich 1825).

Die ersten Texte in diesem Buch wurden im Jahr 2008 veröffentlicht: García Linera, La potencia plebeya. Acción colectiva e identitades indígenas, obreras y populares en Bolivia, CLACSO, Prometeo Libros, Buenos Aires.

Dieses Buch kann ich allen empfehlen, die sich nicht nur für Bolivien, sondern allgemein für demokratiepolitische Prozesse interessieren, in denen nicht mehr eine kleine elitäre Minderheit das sagen hat, sondern jede(r) einzelne(r) wichtig geworden ist, im Kampf für eine Änderung der bestehenden neoliberalen Ordnung. Besonders spannend macht dieses Buch, dass es von einem leidenschaftlichen Politiker geschrieben wurde, der als studierter Soziologe die alltägliche Praxis mit der politischen, philosophischen und sozialwissenschaftlichen Theorie verbindet. Alle seine Ausführungen werden in vielen Fußnoten eingehender erklärt und das macht es  für intensivere Auseinandersetzung mit der Thematik spannend.

***

*Maria Ziesler studierte in Wien Politikwissenschaft und Kultur- u. Sozialanthropologie; in Bolivien Quechua (Cochabamba und Nord Potosí). Mehrere Forschungs- und Studienaufenthalte in Bolivien, zuletzt 1999 sechs Monate für die Diplomarbeit (Betreuung Dr.Dr. Wolfgang Dietrich, Österreich und Dr. Inge Sichra, Bolivien).
Arbeitet derzeit in der Biodervisität (vom Aussterben bedrohte Haustierrassen und Gemüsesaatgut-Raritäten). Derzeitiger Forschungsschwerpunkt: Universitätsreformen in Europa und Bolivien.

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