Mexiko: Krimineller Staat Verstrickungen in den Massenmord von Ayotzinapa

Publicada en Publicada en Coyuntura, Edición #3

Moreno Huerta Dafne del Carmen

Der Fall Ayotzinapa hat die Bevölkerung aufgeweckt.

Nicht nur in Mexiko sondern auf der ganzen Welt rufen Menschen auf den Straßen nach Gerechtigkeit und beschuldigen den Staat sowohl der Straflosigkeit, Gewalt, Repression und Korruption als auch des Verschwindens und der Ermordung Tausender. Die Glaubwürdigkeit der Regierung zerbröckelt laufend. Die Medien stellen die offizielle Version bloß und decken die Kollusion zwischen Staat und organisierter Kriminalität auf.

Ayotzinapa heißt in Náhuatl (indigene Sprache aus Mexiko) Schildkrötchenfluss und ist eine kleine Ortschaft im Bundesstaat Guerrero.

Dort liegt die Escuela Normal Rural (Lehrerfachschule) “Raúl Isidro Burgos”, in welcher LehrerInnen für das Unterrichten in zweisprachigen Volksschulen ausgebildet werden. Die Schule ist bekannt für ihre kritischen Studierenden wie z.B. die Revolutionsführer Lucio Cabañas und Genaro Vázques, welche dort in den 60er Jahren studiert und eine politische Bewegung angeführt haben. Über Jahrzehnte gab es deswegen immer wieder Versuche diese Schule zu schließen.

In der jüngeren Geschichte gibt es Beweise, dass 2011 während einer Demonstration zwei Studenten von der staatlichen Polizei erschossen wurden.

Am 26. September 2014 sind 6 junge Männer ermordet worden und 43 linksgerichtete Lehramtsstudenten verschwunden. Laut der verzögerten Bekanntgabe (eineinhalb Monate später) der offiziellen Version der Regierung durch den Generalbundesstaatsanwalt (PGR), Murillo Karam, sind die 43 Studenten einer Verschwörung von Lokalpolitikern, Lokalpolizei und des Drogenkartells “Guerreros Unidos” zum Opfer gefallen.

Eine Bürgerorganisation hat zusammen mit der PGR 50 Gräber und Überreste von 55 Menschen in der Umgebung von Iguala gefunden.

Diese Überreste wurden von einem argentinischen Team für forensische Anthropologie (EAAF) untersucht, mit dem Ergebnis, dass jene nicht zu den verschwundenen Studenten gehören. Daraufhin meldeten sich die Familien von 375 vermissten Menschen.

Laut einer Pressekonferenz heißt es in der offiziellen Version, dass drei Mitglieder von den “Guerreros Unidos” alle 43 Studenten ermordet hätten. Angeblich haben sie diese einer Müllhalde in Cocula mit Hilfe von Diesel und Reifen komplett verbrannt – übrig blieben nur Asche und kleine Knochen. Dafür benötigten sie 15 Stunden. Danach verpackten sie die Überreste in Plastiksäcke und warfen diese in den Fluss San Juan.

Die PGR hat die Plastiksäcke im Rio San Juan, wohlgemerkt ohne Anwesenheit der EAAF, gefunden. Ein kleiner Teil der menschlichen Überreste wurde zur Untersuchung an die medizinische Universität Innsbruck geschickt.

Die WissenschaftlerInnen in Österreich konnten die Identität eines Studenten, Alexander Mora, beweisen.

Am 4.Dezember wurden die Eltern der Studenten über das Ergebnis der Untersuchung informiert. Einen Tag später, am 5. Dezember, benutzte Murillo Karam in einer Pressekonferenz das Ergebnis als Beweis für die offizielle Version. Rückfragen waren bei dieser Konferenz nicht erlaubt.

Das argentinische Anthropologenteam sagte dazu: “Bisher gibt es keine ausreichende wissenschaftliche Gewissheit oder den physischen Beweis, dass die im Fluss San Juan von Sachverständigen der Generalstaatsanwaltschaft (PGR) sichergestellten Überreste zu denen gehören, die nach Aussagen der von den Behörden Beschuldigten von der Müllhalde in Cocula entfernt wurden.”

Eine Reaktion der Eltern der Studenten gab es am nächsten Tag in Form in Form einer Demonstration, in welcher sie Präsident Peña Nieto als Mörder beschimpften: “Die korrupte Regierung hat meinen Sohn ermordet”.

Fünf Tage später, am 11. Dezember, veröffentlichte der Wissenschaftler Dr. Jorge Antonio Montemayor Aldrete seine Berechnungen zur offiziellen Version der Ereignisse von Ayotzinapa. Um 43 Menschen komplett zu verbrennen, sodass nur Asche und Knochen übrig bleiben, benötigt man mindestens 33 Tonnen Holz und zusätzlich 53kg Gas pro Person. Um die Menschen komplett mit Reifen zu verbrennen, bräuchte man 995 Reifen und eine Temperatur von ca. 1450 Grad Celsius damit auch die Reifenfelgen verbrennen. Nach seinen Berechnungen müsste das Gewicht der menschlichen Überreste inklusive der Asche von den Reifen 333 kg betragen.

Ein weiterer Grund zum Zweifeln an der Glaubwürdigkeit der offiziellen Version ergab eine US-mexikanische Recherche. Diese Recherche wurde von Proceso, einer mexikanischen Zeitschrift, mit der Unterstützung des Programms für investigativen Journalismus der Universität Kalifornien in Berkeley eingeleitet. Sie basiert auf Videos, offiziellen Dokumenten, Interviews und Zeugenaussagen und zeigte unter anderem auch eine Beteiligung des Militärs.

Mittlerweile sind die Geschehnisse von Ayotzinapa zweieinhalb Monate her, und es kommen immer mehr Puzzleteile ans Tageslicht, welche den maroden Zustand des Staates Mexiko von der untersten bis zur obersten Ebene enthüllen Es wird immer offensichtlicher, wie weit die Interessen der Regierung bezüglich Sicherheit und Gerechtigkeit von denen der Bevölkerung entfernt sind.

Die Marx/Engels’sche Definition von “Staat” kann man hier wörtlich nehmen: sie ist ein Instrument der herrschenden Klasse, um deren Interessen durchzusetzen und Macht zu sichern, “die Politische Gewalt im eigentlichen Sinne ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer andern.” (Marx/Engels 1848).

Compartir/Teilen
Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Pin on PinterestShare on VK

2 comentarios en “Mexiko: Krimineller Staat Verstrickungen in den Massenmord von Ayotzinapa

Deja un comentario

Tu dirección de correo electrónico no será publicada. Los campos obligatorios están marcados con *